Ein jagdliches Kleinod in der Adria

Napisao/la Text und Bilder von Herbert Schupp on .

„Du hast vorbei geschossen“. Nein, ich bin mir sicher, gut abgekommen zu sein und da sehe ich es auch schon liegen, mein erstes Stück Damwild in Kroatien. Wir sind erst vor einer viertel Stunde vom alten, seit Jahrzehnten unbewohnten Schäferhaus der Insel Plavnik losgepirscht und schon an ein kleines Rudel Damwild geraten. Gregor, der Veranstalter dieser Jagd, führt uns selbst. Das Zweibein ist schnell aufgestellt und ich konzentriere mich auf einen Spießer der etwas gedeckt in 100 m Entfernung vor uns steht. Als er frei ist, schieße ich sofort. Gregor schaut aber auf ein Kalb, so kommt es zu diesem Missverständnis. Es soll das einzige Missverständnis in diesen Tagen bleiben.

Als ich den Bruch überreicht bekomme, blicke ich übers Wasser nach KrK und ich habe diesen herrlichen Duft von Macchia, Salbei und Meer in der Nase. Ein kurzes Telefonat und es kommt ein Jagdhelfer mit dem Quad, liefert und versorgt das Stück vorbildlich. Wildbrethygiene hat hier höchste Priorität

Ein Anfang ist gemacht und so geht die Pirsch weiter. Im Hintergrund das wundervoll blau leuchtende Meer, davor Macchia so weit das Auge reicht, karstiger Boden und immer wieder die Steinmauern, die vor langer Zeit in mühevoller Arbeit von den Schäfern aufgeschichtet wurden als Umzäunung für die Schafe. Auch kommen wir durch einen Wald, der einzig aus großen Wacholdersträuchen, man muss eher sagen Bäumen, besteht.

Eine halbe Stunde sitzen wir in einem aus Paletten zusammen gezimmerten Ansitz, hier sehen wir zwei alte, kapitale Schaufler, die völlig vertraut zwischen den Büschen nach Äsung suchen. Gregor erzählt leise flüsternd, dass hier in der Brunft ein alter Recke mit über drei Kilogramm Geweihgewicht zur Strecke kam.

Auch die Bilder der erlegten Schaufler, die im Aufenthaltsraum des ehemaligen Schäferhauses hängen und die Abwurfstangen zeigen deutlich, dass es hier alte und reife Hirsche gibt.

schupp-3-800
Ein jagdliches Kleinod in der Adria

Dann geht es in der Abenddämmerung weiter und wir sehen auf einige Entfernung einen jungen Hirsch. Er steht spitz auf uns zu und so ist nicht zu erkennen, ob es ein Selektionshirsch oder ein Zukunftshirsch ist. Er bekommt uns mit, macht kehrt und wir versuchen ihm, den Weg abzuschneiden. Er bleibt aber verschwunden.

Da bemerken wir auf etwa 120 m wieder ein Rudel Damwild. Geschützt von einer Steinmauer die mir als Auflage dient kommen wir noch etwas näher. Ich lasse auf ein Kalb fliegen und so ist die Bühne schlagartig leer. Das Kalb jedoch bleibt am Platz. Es sind nur noch 30 Minuten bis zum Jagdhaus und so tragen wir das Stück dorthin. Die untergehende Sonne und ringsherum das blaue Meer schaffen eine wundervolle Stimmung. Kein kunstlos erschossener „Rekordzuchthirsch“ kann dieses Gefühl der inneren Zufriedenheit in einem aufkommen lassen. Als wir am Haus angekommen sind ist es bereits Nacht und der Vollmond spiegelt sich im Meer.

So eine Pirsch macht Hunger und Durst und schon ist der Grill unterm Sternenhimmel angezündet. Neben Cevapcici, leckeren Steaks und Salaten gibt es auch kühles Bier gegen den Durst.

Erst Gestern sind wir nach zehnstündiger Fahrt durch Regen und Schnee mit problemloser, zügiger Anmeldung der Waffe und Munition an der kroatischen Grenze, in Punat auf der Insel Krk angekommen. Es ist Ende Oktober und hier ist noch herrliches Herbstwetter mit zum Teil sommerlichen Temperaturen. Nach einem guten Abendessen und einer ruhigen Nacht in einem kleinen Appartement trafen wir uns mit Gregor und die zwanzigminütige Überfahrt nach Plavnik mit einem Schnellboot der Küstenwache begann. Das alleine ist schon spannend, wenn 350 PS das kleine Boot über anderthalb Meter hohe Wellen treiben. Durch die Bora (vom Land kommende Herbststürme) ist die See sehr unruhig! Am kleinen Hafen angekommen fuhren wir mit dem „Stalinisten“ gemütlich zum Jagdhaus.

schupp-7-800
Ein jagdliches Kleinod in der Adria

Ein Gefährt halb Traktor halb Anhänger mit Allradantrieb Baujahr 1947! Erst mit 350 PS übers Meer, jetzt mit nur wenigen hundertsteln der Leistung über eine wundervolle Insel.

Vorbei an der Ruine einer kleinen Kapelle erreichen wir das alte, nur von uns Jägern bewohnte Haus. Hier treffen wir die Schäfer, die zwei Tage lang nach dem Rechten geschaut haben. Mit ihrer herzlichen und ehrlichen Gastfreundschaft laden sie uns zum Mittagessen ein, ein traditionelles Eintopfgericht. Man fühlt sich hier sofort wohl. Ein schöner Aufgang für eine Jagd.

Die Nacht ist kurz und noch bei Dunkelheit gibt es ein kleines Jagdfrühstück. Als wir in die erfrischende Kühle des Morgens treten, beginnt es gerade hell zu werden und wir pirschen langsam und ruhig zu einem Ansitz in einem alten, durch Flächenbrand kahl gewordenen Busch. Immer wieder hört man das Klackern der Hufe auf dem karstigen Gestein. Sind es die halbwilden Schafe oder ist es Damwild? Immer wieder sieht man eine Bewegung, hört etwas, hofft dass gleich das gesuchte Wild austritt. Doch dann sind es Schafe, einzeln oder in kleinen Trupps, auf der Suche nach Futter. Nein, so kommt keine Langeweile auf. Hier sitzen wir bequem und gut gedeckt und ich habe eine passende Schießauflage. Natürlich ist, wie von fast jedem Ort dieser herrlichen Insel, Meerblick inklusive. Gregor meint auf größere Entfernung ein Geweih an Büschen anstreichen zu hören und so pirschen wir vorsichtig in diese Richtung.

Plötzlich sehen wir im Gegenhang eines kleinen Tales auf 100 m ein Tier hinter einer Steinmauer hervorziehen und ich mache mich fertig um das Kalb zu erlegen. Anstatt des Kalbes folgt jedoch ein drei- bis vierjähriger Selektionshirsch. Diese haben reich vereckte, jedoch schaufellose Geweihe. Mein Hirsch, wenn es klappen sollte. Ein leiser Pfiff von Gregor lässt ihn kurz verhoffen. Trotz gutem Schuss knapp hinters Blatt springt er ab um nach über 80 m zu straucheln. Dann fällt er und nun habe ich die Gewissheit, dass es mein Hirsch ist. Ja, Damwild ist tatsächlich unglaublich schusshart.

Das ausgiebige zweite Frühstück stärkt uns und wir verbringen den Tag mit süßem Nichtstun, sonnen, baden (das Meer ist um diese Jahreszeit sehr kalt, aber es muss einfach sein) und wir erkunden die Insel. Begleitet werde ich hier – wie bei den meisten meiner Jagdreisen - von meinem 12-jährigen Sohn Martin. Auch das macht diese Reisen so einzigartig, wenn Vater und Sohn dieselbe Passion haben, gemeinsame Jagdabenteuer erleben. Egal ob in den schottischen Highlands auf Rothirsch, im Hochgebirge auf Gams oder zuhause auf dem Ansitz und bei den winterlichen Drückjagden. Egal wie das Wetter, egal wie groß die körperliche Schinderei, Martin ist immer mit großer Begeisterung und Passion dabei! Ihm habe ich schon manches Stück Wild zu verdanken, weil er es oft vor mir erblickt und ich dadurch zu Schuss komme. Und nur bei einer Jagdreise verbringt man Tage intensiv mit Einheimischen, lernt sie und ihre Gedanken, ihre Sorgen und Nöte kennen. Nur als Jäger ist man Teil einer Gruppe mit gleichem Ziel und nicht nur zahlender Gast im Massentourismus.

schupp-1-800
Ein jagdliches Kleinod in der Adria

Bei unseren Inselstreifzügen entdecken wir neben einer kleinen, schwarzen Schlange auch eine Schildkröte. Weißkopfgeier, die die Insel in großer Zahl bevölkern, sehen wir jedoch leider nicht. Dafür sammeln wir wilden Salbei, ideal um bei der kommenden Drückjagdsaison das aufkommende Halsweh mit einem frisch gebrühten Tee zu vertreiben.

Nach einer weiteren Abendpirsch, die uns einen Spießer und ein Kalb bringen, treffen am Abend zwei belgische Jäger ein. Auf Französisch und Englisch beginnt ein vergnüglicher Austausch von Jagdabenteuern. Vor allem wollen sie wissen, wie die Jagd hier ist. Nun, eine 1000 ha große Insel, zwischen Cres und Krk, völlig unbewohnt, auf der nur einige Male im Jahr Schäfer sind um nach ihren Tieren zu schauen, und auf der nur an ganz wenigen Tagen gejagt wird, ist ein echtes Kleinod. Das vorhandene Wild ist relativ vertraut, man muss aber bei der Pirsch schnell entscheiden und schießen können. Dass man bei dieser sportlichen Jagd auf weibliches Wild, Spießer und Selektionshirsche keine Angst vor teuren Überraschungen haben muss, macht diese Tage aus meiner Sicht besonders entspannend.

Aber natürlich kann man hier während der Brunft, die bereits Mitte September beginnt, auf kapitale Schaufler bis weit über 3 kg Geweihgewicht waidwerken. Mir jedoch ist die „kleine“ Jagd ohne kapitale Trophäen einfach lieber.

Ich bin kein Trophäenjäger, mir geht es ums Erleben von Jagd und Natur an mir unbekannten Orten auf Wild das mir unbekannt ist. So erlebt man, wie facettenreich die Jagd ist und belastet seinen Geldbeutel nicht über Gebühr.

Im weiteren Verlauf des Abends stellt sich heraus, dass die Belgier ebenso gut Jägerlatein sprechen wie wir. Und auch Ihnen schmeckt das kroatische Bier vorzüglich.

schupp-17-800
Überfahrt nach Plavnik mit einem Schnellboot der Küstenwache

Eigentlich bin ich mehr als zufrieden mit dem Verlauf der Jagd. Gregor benötigt aber noch dringend Wildbret und so lädt er uns spontan zu einem weiteren Morgenansitz ein, kostenlos wie er in einem Nebensatz erwähnt. Jetzt möchte ich erst recht nichts falsch machen und so kommt es, dass ich zwar ein oder zwei Chancen habe, doch die eine Sekunde zögere, die nötig ist um eine Chance zum Erfolg zu verwandeln. Trotzdem genießen wir auch diesen Morgen und als die Sonne immer höher steigt und das Wild längst nicht mehr zieht, wissen wir, dass wir wieder kommen werden.

Dir Gregor noch einmal ganz herzlichen Dank, für diese spannenden Jagdtage auf Plavnik. Ich bin mir sicher, dass wir bald schon wieder mit dem Schnellboot über die Wellen reiten um dann wieder gemeinsam auf deiner Insel zu jagen. Und dann habe ich ihn wieder in der Nase, diesen herrlichen Duft von Macchia, Salbei und Meer.

 

Text und Bilder von Herbert Schupp

© 2010 Adria-hunt d.o.o. Sva prava pridržana. | Izrada web stranica & hosting KUHADA